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  • Bericht über die Reise einer Delegation des Partnerschaftsvereins Wiesbaden-Schierstein * Kamenez-Podolski e.V. in die Ukraine

Nach knapp zwei Jahren fuhr wieder eine Delegation des Partnerschaftsvereins nach Kamenez-Podolski, um sich über die Fortschritte vor Ort und weitere Hilfsmöglichkeiten zu informieren. Wir wurden in den vergangenen Jahren oft gebeten zu kommen, weil die Menschen, die bisher von uns Spenden bekommen haben, gern wissen wollen, ob sie in unserem Sinne arbeiten. Sie möchten uns auch ihre Gedanken zu der weiteren Entwicklung mitteilen, damit wir besser verstehen können, was in der Zukunft gebraucht wird.

Am meisten hat uns der Drucker Myroslaw Moschak beeindruckt. Er hatte zu Anfang unserer Hilfstransporte eine einfache Umdruckmaschine und später eine etwas grössere Druckmaschine bekommen. Vor zwei Jahren hatte er bereits die erste eigene Maschine erworben und 19 Arbeitsplätze geschaffen. Jetzt hat er ein Haus in einem ziemlich schlechten Zustand in der Altstadt von K-P. gekauft und 40 Arbeitsplätze eingerichtet. Er steckt alle Gelder, die er verdient in seinen Betrieb, damit es weiter vorangeht. Seine Frau unterstützt ihn tatkräftig, indem sie sich um die Sorgen der Mitarbeiter kümmert. Unter den schwierigen Umständen in der Ukraine leistet er eine fabelhafte Aufbauarbeit, die uns tief beeindruckt hat. Wir möchten ihm sehr gern weiterhelfen mit notwendigen Ausrüstungsgegenständen wie Regalen, Zeichentischen und wenn möglich auch Baumaterialien. Sein Engagement zeigt deutlich, dass er ein Vorbild für seine Mitbürger ist und ihnen Mut machen kann, den schwierigen Anfang zu machen. Nach den langen Jahren des Sozialismus tun sich viele Menschen in der ehemaligen Sowjetunion sehr schwer damit, selbst etwas zu beginnen.

Zum zweiten Mal besuchten wir eine Frau, die ein Gesundheitszentrum aufgebaut hat. Vor zwei Jahren war sie sehr begeistert und erklärte uns, was sie für die Sanierung ihrer sehr desolaten Praxis tun wollte. Inzwischen hat sie vieles von dem, was sie vorhatte, verwirklicht. Aber sie wirkte sehr depressiv. Der Grund lag darin, dass nach der Renovierung der Räume plötzlich eine Klinik diese Räume für sich reklamierte. Falls sie sie behalten wollte, hätte sie so einen hohen Preis zu zahlen, dass sie das nicht schaffen könnte. Wir haben bei unserer Begegnung mit den stellvertretenden Bürgermeistern der Stadt dieses Thema angesprochen und dort gebeten, dass man sich der Situation annehmen möchte, damit diese Arbeit einer Einzelunternehmerin nicht zerstört wird und damit für mögliche Versuche von anderen Mitbürgern ein schlechtes Beispiel ist. Es wurde uns zugesagt, der Sache nachzugehen, damit die Unternehmerin weiterarbeiten kann.

In der von uns unterstützten Zahnarztpraxis, in der ein Mitglied unserer Delegation sogar eine Behandlung erfahren durfte, erfuhren wir, dass ein Zahnarztstuhl, der schon in Deutschland 30 Jahre gebraucht worden war, bevor er von uns nach K-P. geschickt wurde, nun leider seinen Geist aufgegeben hat und auch nicht mehr repariert werden kann, weil es keinerlei Ersatzmaterial gibt. Da in der Praxis gute Arbeit geleistet wird, wollen wir alles daran setzen, dass wir in Deutschland nach abgeschriebenen Zahnarztstühlen suchen, die wir wieder dorthin schicken können, damit die wichtige Arbeit weiter geleistet werden kann.

Mit Freude haben wir festgestellt, dass in Institutionen, für die wir aus Wiesbaden viele verschiedene Sachen gespendet haben, jetzt auch Eigeninitiative entwickelt wird. Im städtischen Altersheim, das Betten und Schränke, Gardinen und Bettwäsche und vieles andere von uns bekam, sahen wir die alten Menschen, die dankbar für diese Unterkunft sind. In der Küche wird dringend ein grosser Herd benötigt. Es gibt auch einen täglichen Mittagstisch, zu dem vom Sozialamt ausgesuchte Menschen kommen können. Die Leiterinnen dieses Heims erklärten uns, dass sie verschiedene Spender für Lebensmittel vor Ort ansprechen, damit sie das von der Stadt zur Verfügung gestellte Geld für andere notwendige Dinge verwenden können.

Die Vorsitzende der Behinderten erklärte uns in einer bewegenden Ansprache, dass sie jetzt "mit den Angeln", die wir ihnen gebracht haben, "selbst fischen gelernt haben"! Sie zeigte uns den zum Verein gehörenden Friseursalon und die Schusterwerkstatt. Für uns war es ein beglückendes Erlebnis zu sehen, dass unsere Spenden in die richtigen Hände kommen.

In der Schneiderwerkstatt "Lilja" sagte uns die Meisterin, dass sie zwei Arbeitsplätze hat, auf den von ihr ausgebildete Schneiderinnen sitzen. Sie könnte aber noch mehr leisten, wenn sie noch mindestens eine grössere Nähmaschine hätte.

Der Friseursalon "Pani Maria", der schon in den ersten Jahren unseres Engagements für die Stadt Kamenez-Podolski eingerichtet wurde, arbeitet weiter gut. Die Friseurinnen sind immer dankbar, wenn wir kommen, um die neueste Entwicklung zu sehen. Jetzt gibt es 6 Arbeitsplätze. Pjotr Saweljan, der Inhaber, hat in den letzten beiden Jahren die Räume renoviert und verschönert. Wenn er alles fertig hat, will er einen weiteren Salon eröffnen.

Die von uns initiierte Kaffeestube "Drei Lilien" ist sehr schön geworden. Dort wird das Essen für die Aktion "Essen auf Füßen" von den Frauen unseres Partnervereins unter der Leitung von Frau Raissa gekocht und arme Menschen können dorthin gehen und ihr Mittag essen. Leider gab es in diesem Jahr wieder ein Problem: In dem von aussen sehr schönen alten Haus gab es grosse Probleme mit dem Abwasser, so dass nicht gekocht werden konnte. Die Stadtverwaltung versprach, in dem Haus, das der Stadt gehört, Abhilfe zu schaffen.

Wir besichtigten zwei Kindergärten, die auch von uns Zuwendungen bekommen haben. In dem Kindergarten Nr. 8 werden gesunde und behinderte Kinder betreut. Hier wird zum ersten Mal der Versuch einer Integration von gesunden und behinderten Kindern durchgeführt. Bei den 30 (von 200) behinderten Kindern handelt es sich in der Hauptsache um Kinder, die Kinderlähmung hatten. Zu unserem Entsetzen erfuhren wir, dass es in der Ukraine keine Pflichtimpfung gegen Polio gibt, so dass sich diese Krankheit ausbreitet. Die Kindergärtnerinnen haben mit viel Enthusiasmus die neue Aufgabe übernommen und gehen individuell auf jedes Kind ein. Natürlich benötigen sie Unterstützung mit entsprechendem Spiel- und Übungsmaterial. Im Kindergarten Nr. 17 gab es unter den 5 Gruppen eine Gruppe mit Waisenkindern. Fünf von diesen Kindern sind taubstumm. Man könnte ihnen mit Hörgeräten helfen, die bei uns nicht mehr benötigt werden. In Kiew würden solche Geräte dann für die Kinder eingestellt und könnten sie wahrscheinlich von ihrer Taubheit befreien.

Im städtischen Krankenhaus besuchten wir die chirurgische Abteilung. Auch dort sahen wir viele Gegenstände aus Wiesbaden. Der Leiter der Abteilung bat uns sehr dringend um Bettwäsche und Arztkittel.

Unser Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister und der Leiterin des Sozialamtes war sehr offen. Wir durften erleben, dass die Anregungen, die wir aufgrund unserer Besichtigungen machten, auf offene Ohren stiessen. Es wurde uns versprochen, den Dingen nachzugehen. Die Leiterin des Sozialamtes lobte die Arbeit des Freundschaftsvereins unter dem Vorsitz von Frau Raissa sehr und sagte uns, dass sie viele Arme zu ihr schickt. Sie erklärte uns, dass Frau Raissa – immer wenn Not ist – versucht, mit den Spenden von uns und der Kraft ihrer Mitglieder zu helfen. Alles wird dort unter sehr schwierigen Bedingungen gemacht. Deshalb sind wir sehr dankbar, dass wir in der Person von Frau Raissa einen so guten ehrenamtlichen Partner vor Ort haben, dem wir voll vertrauen können.

Das wichtige Resultat unserer Reise nach Kamenez-Podolski war, dass bei allen Gesprächen mit den verschiedenen Menschen immer heraushörten, wie dankbar sie sind, dass wir über die vielen Jahre (seit 1992) immer wieder kommen, ihnen Mut machen und zeigen, dass sie nicht vergessen sind, sondern dass wir weiter versuchen wollen, sie bei ihrer wichtigen Aufbauarbeit in ihrem Lande zu unterstützen. Ein ganz wichtiger Aspekt in dieser Partnerschaft sind die in Wiesbaden ausgebildeten jungen Menschen, die jetzt bei deutschen Firmen in der Ukraine arbeiten. Sie wollen das, was sie bei uns gelernt haben, in ihre Heimat übertragen und damit auch Vorbild für andere junge Menschen sein, damit sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Zum Schluss unserer Reise hatten wir in Lemberg noch eine sehr bewegende Begegnung: Dort trafen wir Pater Zar, der früher in Kamenez-Podolski eine sehr gute Jugend- und Gemeindearbeit gemacht hatte. Wir hatten ihn lange Jahre aus den Augen verloren und sahen ihn jetzt als Gefängnispfarrer in Lemberg wieder. Er beschrieb uns seine schwierige Arbeit in einem Gefängnis mit 2.000 Insassen. Zuerst kamen 15 Häftlinge in seinen Gottesdienst. Inzwischen sind es schon 100. Besonders dankbar und treu sind die Mörder für die Gespräche mit ihm. Wir waren sehr bewegt von dem Gespräch und seiner Dankbarkeit, dass wir ihn nicht vergessen hatten. Auch dieses Gespräch hat uns deutlich gemacht, dass wir mit dieser Hilfsarbeit eine grosse Aufgabe übernommen haben, die unser Leben sehr bereichert und uns immer wieder zeigt, wie dankbar wir für unseren Alltag hier sein können, indem wir von unserem materiellen Reichtum etwas abgeben und den Menschen vor allem Zuwendung geben können. Wir brauchen nur Geduld, denn die Veränderung kostet viel Zeit.

Potsdam/Wiesbaden 7. 7. 2002 Maria von Pawelsz-Wolf