• Bericht über den Besuch in Kamenez-Podolski

Auf Einladung des Bürgermeisters Mazurtschak fuhr eine Gruppe von Vereinsmitgliedern in diesem Jahr nach Kamenez-Podolski, um an dem Fest der nationalen Kulturen teilzunehmen. Bei diesem Fest stellten sich die einzelnen Länder, die Einfluß auf die langjährige Geschichte der Stadt hatten dar. Modell der Burg Kamenez-Podolski Als deutschen Beitrag konnten wir eine Ausstellung mit Fotos der Stadt Wiesbaden von Charlotte Knuth im alten Rathaus zeigen. Die Bilder wurden von vielen Besuchern sehr bewundert. Nun können die Menschen, die seit 11 Jahren von uns Spenden und Aufbauhilfe empfangen, sich doch ihre Partnerstadt besser vorstellen. Das Fest in der Altstadt war farbenfroh und fröhlich. Mit großem Engagement stellten die Menschen ihren Gästen die schöne Stadt Kamenez-Podolski vor.

Wir haben drei verschiedene Krankenhäuser besichtigt. Zu unserer Freude fanden wir in allen drei Krankenhäuser die Betten und Nachttische aus dem Vincenzkrankenhaus in Mainz wieder. Die Kranken waren sehr dankbar, daß sie so gut untergebracht waren. Die gespendeten Vorhänge waren zu Bettdecken umfunktioniert und erfüllten damit ihren Sinn! Die medizinische Ausstattung aller drei Krankenhäuser ist äußerst mangelhaft, es fehlt selbst an den gängigsten Diagnosemöglichkeiten. Jedes bei uns abgeschriebene Gerät wird dort dankbar in Empfang genommen. Es ist dringend notwendig zum Wohle der Patienten. Einen besonders guten Eindruck machte das Ärzteteam des Bezirkskrankenhauses auf uns, in dem wir umfangreich informiert wurden. Wir wollen sie gern unterstützen, damit sie bei ihrer wichtigen Arbeit eine Erleichterung erfahren. In Raissas Lager konnten wir den "Medikamentenkiosk" in Aktion erleben. Die Bedürftigen kamen mit einem Rezept vom Arzt, dann wurde von einer Krankenschwester das entsprechende von uns gespendete Medikament herausgesucht und gegen Unterschrift in ein Buch durch die Öffnung hinausgereicht. Das machte einen sehr professionellen Eindruck. In dem Raum waren die Medikamente wie in einer Apotheke geordnet.

Fest der Nationen Ausstellung im Rathaus: ...nach dem improvisierten Hängen der Bilder Fest der Nationen Gespendete Betten im Bezirkskrankenhaus Der Generaldirektor der Fa. Prettel (ganz rechts) im Gespräch mit Vereinsmitgliedern Abschiedsfest

Charlotte Knuth und der 1. stellvertretende Staatssekretär des Kulturministeriums der Ukraine Fenster des Kinderheimes Apothekenkiosk Vor der Kaffeestube Drei Lilien

Mit dem von uns unterstützten Drucker Myroslaw Moshak hatten wir mehrere Gespräche und Besichtigungen seines Betriebes. Er mußte das Haus, in dem er im vergangenen Jahr seinen Betrieb installiert hat, kaufen, weil es vom Eigentümer verkauft wurde. Das ist für ihn eine unglaubliche Belastung. Wir wollen alles tun, um ihn zu unterstützen, weil er inzwischen 42 Arbeitsplätze geschaffen hat. Dabei kam uns der Gedanke, daß wir für die Ausstellung der Bilder von Kamenez-Podolski im Wiesbadener Rathaus vom 16. – 23 Dezember 2003 Bastelbögen der eindrucksvollen Burganlage von Kamenez bestellen wollen, um sie in Deutschland zu verkaufen. Bei dieser Aktion ergab sich, daß die Frage der Kalkulation wohl ein Buch mit sieben Siegeln in der Ukraine ist! Glücklicherweise war auch die in Wiesbaden zur staatlich geprüften Betriebswirtschaftsassistentin ausgebildete Switlana zugegen, die dann das Heft in die Hand nahm. Auf diese Weise konnte sie die in Deutschland erworbenen Kenntnisse sinnvoll einsetzen. Für uns wurde damit wieder deutlich, welchen Stellenwert die Ausbildung an der Schulze-Delitzsch-Schule im Rahmen unserer Aufbauarbeit für die Ukraine hat. Während unseres Besuches haben wir drei in Wiesbaden ausgebildete junge Frauen getroffen, die ihre Erfahrungen in Deutschland sehr positiv umsetzen. Darüber sind wir sehr froh und fühlen uns darin bestärkt, immer wieder Familien zu suchen, die einen Schüler für zwei Jahre aufnehmen, damit die wirtschaftlichen Kenntnisse auf diese Weise auch in der Ukraine Eingang finden.

Auf den Rat unserer vorzüglichen Dolmetscherin Katja haben wir Kontakt zu einem jungen Unternehmer aufgenommen, der bereit ist, die von uns nach Kamenez gespendeten Computer mit dem Zubehör anzunehmen und zu reparieren, um dann Raissa in der Kaffeestube mit einem PC zu versehen. Er will auf dieser Basis mit Raissa zusammenarbeiten. Die deutsche Firma Prettl, deren Generaldirektor Mitglied unseres Vereins ist, haben wir wieder besucht und uns von der Entwicklung vor Ort überzeugt. Nach vorübergehenden Schwierigkeiten sind jetzt neue Geschäftsverbindungen zu Opel und der Kiekert AG in Heiligenhaus geknüpft worden, die zu einem Ausbau der Firma auf 1.000 Mitarbeiter führen soll. Wir konnten die neuen Hallen besichtigen und waren sehr beeindruckt!

Bei unseren Rundgängen durch die Stadt haben wir zwei neue Privatunternehmen besichtigt und Gespräche mit den Eigentümern geführt. Wir waren in einer Zahnarztpraxis mit fünf Behandlungsstühlen und einem Dentallabor, die absolut westlichem Standard entsprachen. Ein Apotheker, dem vier Apotheken gehören, hat sie eingerichtet. Als wir die Preise für die Behandlungen hörten, fragten wir uns natürlich, wer das in Kamenez bezahlen kann. Aber offensichtlich gibt es einige Menschen mit Geld. Dann besichtigten wir ein Jugendkaffee (dort darf nicht geraucht werden), dem eine Bar und ein Schneiderbetrieb für Brautkleider angeschlossen waren. Die Unternehmer (früher in leitender Funktion in staatlichen Betrieben) haben all dieses ohne Kredit aufgebaut. Das beste Geschäft wird wohl mit den Brautkleidern gemacht, die 100 $ kosten. Diese Privatunternehmen zeigen, daß es doch langsam bergauf geht. Der Bürgermeister hatte uns in seinem Gespräch schon darauf hingewiesen, daß sich in der Stadt wirtschaftlich etwas bewege. Große Unternehmen sind von Irland (Zementfabrik,), Italien (Kleiderfabrik), Indien (Tabakfabrik) und von einem Großunternehmen in Dnepr-Petrowsk (Metall) gekauft worden. Man muß nun sehen, wie die wirtschaftliche Entwicklung in der Stadt weitergeht. Nach Aussagen des Bürgermeisters berät sich die Stadt mit den Unternehmen, bevor eine Steuererhöhung beschlossen wird.

Zum Abschluß unseres Aufenthaltes waren wir in der Kaffeestube "Drei Lilien" (nach dem Wiesbadener Wappen) und wurden dort wunderbar bewirtet. Die Vereinsfrauen hatten unter Leitung unserer Partnerin Raissa, die am Morgen beim Bürgermeister im Rathaus endlich den ihr verliehenen Orden angesteckt bekommen hatte, den Tisch fürstlich gedeckt und uns mit liebevollen Geschenken geehrt. Wir haben die Kaffeestube aber auch beim Besuch der Alten und Bedürftigen gesehen und hörten die dankbaren Menschen, die dort das "Essen auf Füßen" bekommen. Diese Aktion ist eine wichtige und in der Stadt dankbar angenommene Gemeinschaftsleistung des Partnerschaftsvereins (wir geben Geld für Fett und Fleisch) und des Freundschaftsvereins Kamjanez-Podilskij – Wiesbaden (sie arbeiten auf dem Feld, um Kartoffeln und Gemüse anzubauen).

Als Resümee unseres Besuches haben wir wieder festgesstellt, daß sich viel bewegt. Der Partnerschaftsverein hat hierzu manchen Anstoß gegeben, der vor Ort aufgenommen wurde und nun umgesetzt wird. Wir haben neue Erkenntnisse, wie wir weiter helfen können, um die Menschen allmählich selbständiger zu machen, immer unter unserer Leitlinie "Hilfe zur Selbsthilfe".

Wiesbaden, im Juni 2003, Maria von Pawelsz-Wolf zum