• Erfahrungsbericht über den Aufenthalt in Kamenez-Podolski im September 2004

In diesem Jahr nahmen an der jährlichen Inspektionsreise nach Kamenez-Podolski Barbro Cluley (Expertin in Hilfsarbeit), Dr. Arnold von Rümker (Landwirtschafts- und Entwicklungshilfeexperte), Brigitte von Rümker (Fachfrau für Musikschulen) und ich als Vorsitzende des Partnerschaftsvereins teil. Das Ziel unserer Reise war, die Erfolge unserer Arbeit aus der Vergangenheit zu sehen und neue Aktionsmöglichkeiten herauszufinden. Er wird in Zukunft seine Existenz mit aus Wiesbaden gespendeten Fahrrädern absichern können Im Rahmen der Besichtigung der einzelnen mit unserer technischen Hilfe aufgebauten Betrieben konnten wir feststellen, daß in den Betrieben gut gearbeitet wurde. Zu unserer Freude waren in der Druckerei von Myroslaw Moshak die Arbeitsplätze von 42 im Jahr 2003 auf 63 Arbeitsplätze in diesem Jahr angewachsen. Moshak hat im Jahr 2004 einen Preis vom Unternehmerverband für sein Engagement bekommen. In seiner Druckerei werden nicht nur Formulare, sondern auch Schulbücher, Bücher für die Universität in Kiew und Belletristik gedruckt. Neben seiner Arbeit in der Druckerei ist Myroslaw als Stadtverordneter in der Opposition der Stadt Kamenez-Podolski tätig. Diese Aktivitäten erschweren häufig seine Arbeit, aber zeigt uns damit, daß sich langsam auch dort die Demokratie durchsetzt. Untersuchung mit dem aus Wiesbaden gelieferten Audiometer

Wir haben den ersten Kontakt mit einem Walerij aufgenommen, den Raissa gefunden hat, damit er die aus Wiesbaden gespendeten alten Fahrräder wieder aufarbeitet und dann mit Gewinn für den Freundschaftsverein verkauft. Er zeigte uns die Werkstatt in seiner Wohnung im zweiten Stock, in der er sehr sorgfältig Fahrräder repariert. In Kamenez-Podolski hat er bereits einen Namen für hervorragende und zuverlässige Arbeit auf diesem Gebiet. Zusätzlich zu den Fahrrädern bot er noch an, Rollstühle zu reparieren. Nach unserem Eindruck kann sich hier langsam eine Werkstatt entwickeln, in der in unserem Sinne gearbeitet wird. Im Behindertenverein von Frau Sosnowska werden in der Schusterwerkstatt, dem Friseursalon und der Schneiderei mit den aus Wiesbaden gespendeten Maschinen und Ausstattungen für die Behinderten gearbeitet. Am Eingang weisen Schilder auf die Betriebe und ihre Öffnungszeiten hin.

Mit dem am 20. Oktober 2004 weggeschickten Transport kommt ein weiterer Zahnarztstuhl aus Wiesbaden

Wir besichtigten zwei Krankenhäuser: Im Bezirkskrankenhaus lernten wir den Hals-Nasen-Ohrenarzt Jaroslaw kennen. Er spricht Englisch und erzählte uns, daß er im Internet surft und sich damit auf den neuesten Stand der Medizin bringt. An der Patientin Raissa zeigte er uns, wie er mit dem aus Wiesbaden gespendeten Audiometer arbeitet. Mit diesem Gerät kann man aber Kinder erst ab 8 Jahren behandeln, so daß die kleineren nach Chmelnitzki oder nach Kiew geschickt werden müssen. Auf unsere Frage bestätigte er, daß er in der Lage ist, gebrauchte Hörgeräte so einzustellen, daß sie dort noch verwendet werden können. Damit möchten wir Fachleute bitten, uns gebrauchte Hörgeräte zukommen zu lassen, damit sie in der Ukraine noch zum Wohle der Behinderten gebraucht werden können. Jaroslaw hat uns seine e-mail-Adresse gegeben und ist auch sehr bereit zu kommunizieren. Die Ausstattung seines Behandlungszimmers machte auf uns, die wir die deutschen HNO-Praxen kennen, einen sehr dürftigen Eindruck. Daraus ergab sich für uns, daß alle bei uns abgeschriebenen und verwendbaren Gerätschaften dort noch längere Zeit ihren Dienst tun. Im Veteranenkrankenhaus wurde uns die gerade renovierte in zartem Grün gestrichene Abteilung vorgezeigt, die auf unsere Krankenhausbetten aus dem nächsten Transport wartet. Wir konnten in den anderen Abteilungen die alten Betten sehen und verstanden sehr gut, daß die Patienten und das Krankenhauspersonal sehr dankbar für die Betten aus Deutschland sind!

Wie in jedem Jahr besuchten wir die Praxisräume von Anatolij Dokukin, in der sich bis jetzt eine Zahnarztpraxis mit drei Zahnarztstühlen und eine gynäkologische Praxis befinden. Im nächsten Transport wird noch ein gebrauchter Stuhl dorthin gebracht, der den ältesten ersetzen soll. Die Ärzte sind von Anatolij angestellt und arbeiten in dieser Praxis. Es gibt eine genaue Preisliste, die wir eingesehen haben und nach der sich die Patienten die Behandlung nach ihrem schmalen Geldbeutel aussuchen können. (Die Mitglieder des Freundschaftsvereins werden umsonst behandelt als Äquivalent für unsere Spenden!) Jetzt gibt es in dem Komplex noch einen weiteren Raum, in dem Anatolij noch eine weitere Praxis für Allgemeinmedizin eröffnen möchte. Dazu bittet uns um ein gebrauchtes Ultraschallgerät, auf das die Patienten sehr achten. Im Gespräch berichteten Anatolij und seine Frau, daß sie Schwierigkeiten mit der Verwaltung haben, weil sie die Praxisräume gern kaufen möchten, ehe sie alles sanieren, aber nicht an die richtigen Leute herankommen. Sie baten um meine Unterstützung, um mehr Sicherheit zu haben und nicht nach erfolgter Arbeit alles weggenommen zu bekommen. Im Gespräch beim Bürgermeister habe ich das Problem angesprochen und ihn um Unterstützung gebeten. Er sagte zu, daß Dokukin die Praxis kaufen kann, wenn die Sanierungskosten 25 % des Kaufpreises ausmachen. Die neuen Fenster im Kinderheim. Vergleichen Sie mit dem Bild vom Mai 2003 Im Salon Lady hatten wir vor zwei Jahren schon das Problem, daß der Inhaberin nach ihren ersten Renovierungen die Räume wieder weggenommen werden sollten. Bei meinem Gespräch mit der stellvertretenden Bürgermeisterin wies ich darauf hin, daß wir uns darauf verlassen müssen, daß diejenigen, die Ausstattungsgegenstände für ihre Arbeit von uns bekommen, dann auch dauerhaft damit arbeiten können, um auf diese Weise für den Staat zu Steuerzahlern zu werden. In diesem Jahr konnten wir uns davon überzeugen, daß mein Einspruch Erfolg gehabt hat. Alla hat die Praxis erweitert und arbeitet nun für Frauen. Neben ihrer heilpraktischen Tätigkeit möchte sie gern noch mehr für die äußere Schönheit der Frauen tun. Aus diesem Grunde bat sie uns um eine Friseurausstattung und Hilfsmittel für Maniküre und Pediküre. Außerdem ist sie interressiert an einer Digitalkamera, um die Hautveränderungen vor und nach der Behandlung zu dokumentieren. Im Blutlabor, das wir an das Rote Kreuz gegeben hatten, wurden uns alle Geräte und Ausstattungsgegenstände aus der Wiesbadener Rheumaklinik gezeigt. Wir freuten uns, daß wir alles in Aktion sehen konnten. Die Leiterin des Labors zeigte uns eine Blutzentrifuge, die kurz vor dem Zusammenbruch steht und bat um Hilfe. Wir freuen uns, daß im Wiesbadener Lager bereits eine Blutzentrifuge steht, die mit dem nächsten Transport nach KP geht. Außerdem fehlt ein Eisschrank, der bis – 40 ° kühlen kann.

Teilnehmerinnen des Existenzgründer-Seminars Während unseres Aufenthaltes haben wir verschiedene Kindergärten besichtigt. Im Kindergarten N 14 erfuhren wir im Gespräch mit der sehr engagierten Leiterin, daß seit 3 Jahren mit gesunden und zerebral geschädigten Kindern gearbeitet wird. Es gibt 145 Kinder und 76 Betreuer in diesem Kindergarten. Die Leiterin bildet sich laufend fort und muß noch ein Examen in Sonderpädagogik absolvieren. Sie pflegt eine gute Zusammenarbeit mit der Gehörlosenschule. Im Kindergarten N 17 konnten wir die von uns finanzierten neuen Fenster im Erdgeschoß bewundern. Dort sind die Fenster jetzt dicht und können Kälte und Regen abhalten. Aber im oberen Stockwerk sieht es ähnlich schlimm aus wie im vorigen Jahr noch im unteren. Wir wollen jetzt untersuchen lassen, ob der Schreiner mit dem Abschleifen des Lacks noch etwas erreichen kann. Ansonsten rufen wir wieder zu einer weiteren Spendenaktion auf! Den dritten Kindergarten besuchten wir auf dem Lande. Dort wurden wir sehr herzlich aufgenommen. Die Kinder bedankten sich mit Gesang für das Spielzeug und die Sachen, die wir aus Wiesbaden geschickt haben. Die Kindergärtnerinnen erzählten von ihrer engagierten Elternarbeit. Sie können alle Sachen gebrauchen, die bei uns abgelegt werden. Der Besuch einer Vorführung der Schüler und Lehrer der Kunstschule hat uns mit den Gesangs- und Tanzdarbietungen sehr beeindruckt. Im Anschluß daran konnten wir noch die Zeichenklassen besuchen und uns von dem dortigen Unterricht überzeugen. Im Gespräch mit dem Leiter der freien Kunstschule hörten wir von seiner Arbeit und den finanziellen Schwierigkeiten. Ein besonderes Erlebnis auf unserer Reise war der Besuch auf dem Lande. Dorthin wurden wir von Alexander gebracht, der uns das Ergebnis einer amerikanischen Hilfsarbeit zeigen konnte. In Rohisna gibt es einen landwirtschaftlichen Vorzeigebetrieb, der von zwei ehemaligen Ingenieuren bewirtschaftet wird. Zwei Brüder sind von den Amerikanern in landwirtschaftlichen Kenntnissen geschult worden und haben eine Baumschule für Obstbäume (Pfirsiche, Pflaumen, Birnen und Äpfel) und für Edelrosen gegründet. Die Obstbäume werden ohne chemische Mittel herangezogen. Die ganze Familie ist dabei im Einsatz: Die Mutter der beiden Neu-Farmer veredelt Rosen. Das vom Staat gepachtete Gelände machte einen vorzüglichen Eindruck. Ganz offensichtlich können die Familien von den landwirtschaftlichen Erträgen leben. Es ist der Ukraine zu wünschen, daß viele Bauern sich schulen lassen und ebensolche Betriebe eröffnen.

Maria von Pawelsz-Wolf beim Ausstellen von Teilnahmezertifikaten Auf Kosten des Partnerschaftsvereins und mit finanzieller und fachlicher Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kiew wurde am letzten Tag unserer Reise ein Existenzgründerinnen-Seminar eröffnet. Eine deutsche Unternehmensberaterin hat acht Tage lang 13 Frauen aus Kamenez-Podolski geschult. Im Rahmen dieses Seminars wurden Vorträge von Fachleuten, darunter auch der Bürgermeister von Kamenez-Podolski und der Direktor des Arbeitsamtes, gehalten. Aber es wurden auch praktische Aufgaben von den Teilnehmerinnen gelöst. Sie mußten selbst Businesspläne für ein angestrebtes Projekt aufstellen. In den abschließenden Einzelgesprächen mit der Trainerin stellten die künftigen Unternehmerinnen dann ihre wirklichen Projekte vor. Teilweise hatten sie unter ganz anderen Voraussetzungen das Seminar begonnen, aber im Laufe der Zeit dann wichtige Erkenntnisse gewonnen, die der Realität entsprachen. Gerade die beiden Projekte aus der Landwirtschaft und der Schulung von künftigen Geschäftsleute zeigten uns deutlich, daß es Sinn macht, sich verstärkt für die Ausbildung der Menschen – auch im Rahmen von Hilfsarbeit – einzusetzen, damit die Menschen mehr Mut zur Selbständigkeit bekommen und auf Dauer ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Wir haben erkannt, daß die alten Menschen unsere humanitäre Hilfe noch weiter brauchen, weil ihre Rente sehr gering ist. Aber die neue Generation kann sehr wohl allein etwas aufbauen. Sie benötigen die geistige Unterstützung wie die in Wiesbaden zur staatlich geprüften Betriebswirtschaftsassistentin ausgebildeten Sweta, die jetzt Direktorin eines neuen Hotels mit 14 Zimmern geworden ist. Wir besuchten auch die Firma PRETTL, bei der wir die neuen Chefs kennenlernten. Bei der Betriebsbesichtigung wurde uns berichtet, daß jetzt 450 Arbeiter dort arbeiten. Bis zum kommenden Jahr sollen die Arbeitsplätze auf 1200 erhöht werden. Wir hoffen sehr, daß es dabei auch Chancen gibt für unsere jungen gut ausgebildeten Betriebswirtschaftsassistentinnen! Zum Abschluß dieses Berichtes möchte ich noch meiner Freude Ausdruck geben, daß wir auch feststellen konnten, daß die Menschen die Hilfe durch uns bekamen, jetzt der Kaffeestube "Drei Lilien" helfen: Im Bezirkskrankenhaus bekam Raissa einen Sack Zucker überreicht, den die Patienten vom Lande zusammengestellt hatten. Im Kindergarten auf dem Lande wurde gefragt, ob wir in unserem Auto noch Platz für einen Sack Kartoffeln hätten. Die Familie von Sweta, die eine erfolgreiche Wurstfabrik betreibt, hat sich bereit erklärt, jeden Sonntag Würste in die Kaffeestube zur Ernährung der Armen zu bringen. So gibt es noch weitere Beispiele, von denen uns Raissa glücklich berichtete. Es macht Freude zu sehen, daß wir mit unseren Spenden wieder andere zu solchen Aktionen anregen.

Wiesbaden, im Oktober 2004, Maria von Pawelsz-Wolf