• Reisebericht über die Kontrollreise nach Kamenez-Podolski 24. Sept. – 2. Okt. 2005

Wie in jedem Jahr fuhr eine Gruppe von Vereinsmitgliedern nach Kamenez-Podolski, um sich über die neueste Entwicklung in der Stadt zu informieren. In diesem Jahr wurde ich begleitet von der in Hilfsarbeit langjährig erfahrenen Barbro Cluley, einem Mitarbeiter aus dem Brandenburger Wirtschaftsministerium, der Erfahrungen der Transformation in den GUS-Staaten hat, Andreas Wolf und einem ehemaligen Direktor der Firma Siemens, Hans-Christoph Wolf, der zum ersten Mal die Stadt Kamenez-Podolski und unsere Arbeit dort kennenlernte. Diese Gruppe erwies sich als sehr effektiv, weil wir alle unterschiedliche Erfahrungen machten, von denen hier zu berichten ist. Besuch im Rathaus bei Bürgermeister Mazurtschak Uns allen fiel auf, wie sauber die Stadt geworden ist. Es gab reges Leben auf den Straßen und auf dem Markt, das unterstützt wurde durch das wunderbare sonnige Herbstwetter. Die Menschen sind seit der Orangenen Revolution viel offener. Es wird heftig über die Politik diskutiert: wir haben noch nie so viele unterschiedliche und auch kritische Meinungen gehört. Auch wenn eine gewisse Unzufriedenheit festzustellen ist, weil noch nicht so viel von den gemachten Versprechungen eingetreten ist, so möchte doch niemand die politischen Verhältnisse vor der Revolution zurückhaben. (Zum Ablauf der Revlolution hörten wir, daß zuerst die jungen Menschen nach Kiew auf den Majdan gereist sind. Aus Sorge, daß etwas Schreckliches dort geschehen könnte, sind die Großeltern hinterher gefahren, um auf die Enkel aufzupassen. Als dann immer noch alles friedlich verlief, sind endlich die Eltern auch gefolgt und haben mitdemonstriert – wie wir es alle im Fernsehen verfolgen konnten!) Wir erfuhren, daß die neue Regierung viel für den sozialen Bereich getan hat, indem erst einmal Gehälter und Renten gezahlt wurden. Von unseren Unternehmern hörten wir allerdings, daß für sie noch gar nichts getan sei. Bei unserem Besuch im Rathaus erschien uns der Bürgermeister Mazurtschak sehr viel freier in seiner Argumentation als früher. Er setzt jetzt sehr stark auf den Tourismus und teilte uns mit, daß es im Augenblick sechs Hotels in Kamenez-Podolski gibt. In 13 Jahren sollen es 18 Hotels sein. Bis Ende 2005 sollen 80 Häuser renoviert sein. Nach seinen Aussagen entwickelt sich auch die Industrie. Er stellte uns ein Existenzgründungsprogramm vor, das die Ansiedlung von Unternehmen unterstützen soll. Eine Unternehmung muß ein Business-Programm vorlegen. Dann werden nach Prüfung die Kredite mit einer Verzinsung von 12 % durch die Stadt 9 % Zinsen übernommen, so daß der Unternehmer nur noch 3 % zu zahlen hat.

Bei unseren späteren Gesprächen mit Unternehmern wurde diese Aussage relativiert: Man muß sich um einen Kredit bewerben und dann entscheidet die Stadt, wer einen Kredit bekommt! Die Privatbank, deren Direktor wir auch besuchten, bestätigte diese Aussage. Der Bürgermeister wies noch darauf hin, daß in Kiew ein Programm zur Unterstützung junger Unternehmer aufgelegt werden soll. Er bedauerte aber, daß die Informationen in der Bevölkerung ungenügend seien. Die Vorsitzende des Verbandes der Business-Frauen „Podillja“, Frau Swetlana Serbaljuk, berichtete uns von ihrer Arbeit. Im Verband sind 50 Frauen Mitglieder, davon 13 Unternehmerinnen, die in der Produktion, Bäckereien, Metzgereien, kleinen Wurstfabriken und verschiedenen Läden arbeiten. Der Beginn ist immer ein langer Prozeß: das Geld für den Beginn muß von der Familie aufgebracht werden, denn erst nach einem Jahr erfolgreicher Tätigkeit gibt es die Chance, sich beim Wettbewerb um einen günstigen Kredit einzuschreiben. Dazu gehören dann die Bilanz des vergangenen Jahres und Quartalsberichte. Im Hinblick auf die Frauen, die im vergangenen Jahr das von unserem Verein und der Konrad-Adenauer-Stiftung finanzierte Seminar besucht haben, haben wir Frau Serbaljuk gebeten, ihre Erfahrungen auch diesen Frauen zur Verfügung zu stellen. Bei der Zusammenkunft mit den geschulten Frauen fiel uns auf, daß sie immer noch in der Phase sind, sich um Geld zu bemühen, das sie aber nicht bei Banken aufnehmen wollen, sondern das von Familienmitgliedern kommt. Die einmalige Schulung reicht für diese Frauen nicht aus. Sie müssen von erfahreneren Unternehmerinnen begleitet werden, damit sie mehr Zugang zu weiteren Möglichkeiten und Geschäftsideen bekommen. Es ist uns gelungen, bei dem Jahrestreffen eine Verbindung zwischen den Seminarteilnehmerinnen und dem Verband „Podillja“ herzustellen. Die in Wiesbaden ausgebildete Swetlana Gromnitzka, die auch ein Unternehmen eröffnen will, wird als Bindeglied fungieren. Mit Luda, der Inhaberin eines kleinen Reisebüros in der Nähe der Kaffeestube hatten wir eine erfreuliche Begegnung. Luda hat Ruslana, eine Studentin, die russisch, ukrainisch, deutsch, englisch und italienisch spricht, für Stadtführungen angestellt. Wir wünschen uns, daß es zwischen Luda und der Kaffeestube zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit kommt, in der dann auch kleine, von Bürgern hergestellte Andenken verkauft werden können. Gespräch mit Teilnehmerinnen des Existenzgründerinnen-Seminars des Jahres 2004

Natürlich haben wir auch wieder die Unternehmer besucht, die von uns früher Spenden bekommen haben: Der Drucker Myroslaw Moshak, der nebenamtlich als Stadtverordneter arbeitet, hat seine Druckerei weiter ausgebaut. Er hat offiziell 50 Mitarbeiter und 5 Lehrlinge im Betrieb zur Ausbildung. Inzwischen sind weitere Räume saniert und mit Maschinen bestückt. Seine Auftragslage ist gut: er hat 7 Auftraggeber, unter ihnen das Zentrum für Schulbücher. Am Tage unseres Besuches hatte er noch ein Gespräch mit deutschen Investoren. Für das Fotolabor hat Raissa jetzt auch einen Kompetenten Mann gefunden: Ilja Golobizkij, der selbst Fotograf ist. Er will Arbeitsplätze schaffen, wenn er nach der Suche nach geeigneten Räumen, das Fotolabor installiert hat. Die Fahrradreparaturwerkstatt von Walerij läuft offensichtlich gut. Er hat bereits 19 Fahrräder repariert und verkauft. Von dem Erlös behält er 1/3 für seine Arbeit, den Rest bekommt der Freundschaftsverein für die notwendigen Aufgaben in der Kaffeestube. Der Inhaber der Zahnarztpraxis Anatolij Dokukin hat jetzt das halbe Haus mit privatem geliehenen Geld von der Stadt gekauft. Jetzt kann er weiter investieren. Er will eine Allgemeinpraxis eröffnen, zu der wir im letzten Transport ein Ultraschallgerät mitgeschickt haben. Außerdem hat er überlegt, daß in einem freien Raum ein Friseursalon eröffnet werden soll, denn es gibt in diesem Stadtteil mit 40.000 Einwohnern nur 3 Friseursalons. Die Inhaberin des Schneiderateliers Lilia hat 2 Mitarbeiterinnen. Sie möchte auch gern Lehrlinge ausbilden. Für ihre weitere Arbeit benötigt sie dringend eine besondere Nähmaschine, um Stretchstoffe zu nähen. Dafür hat sie auch schon einen Auftrag. Eine solche Maschine kostet 1.000 $. Den halben Preis hat sie schon selbst gespart. Sie fragte uns nach einem Kredit für den Restbetrag. Wir werden einen Kreditvertrag mit ihr abschließen, um ihre erfolgreiche Arbeit zu unterstützen. Das Gesundheitszentrum von Alla soll vergrößert werden, damit dort noch mehr Arbeitsplätze geschaffen werden können. Sie arbeitet offensichtlich erfolgreich. Herr Golowati, der früher schon Nähmaschinen repariert hat, ist sehr bereit, weitere in Deutschland in Zahlung gegebene Nähmaschinen, die für eine Reparatur in Deutschland zu teuer sind, zu reparieren und dem Freundschaftsverein für seine Arbeit zur Verfügung zu stellen. Fahrradreparaturwerkstatt von Walerij

Im Gesundheitsbereich haben wir auch weitere Erfahrungen gemacht: das aus Wiesbaden gespendete Blutlabor benötigt dringend neue Blutzentrifugen und einen Tiefkühlschrank bis –40°. Ansonsten wird mit den Anlagen sehr gut gearbeitet. Das Veteranenkrankenhaus soll in ein Sozialzentrum umgewandelt werden. Dort ist man weiter sehr dankbar für Betten, Bettwäsche und Handtücher. Im Altenheim mit Sozialzentrum haben wir die Verteilung eines Teils unserer Spenden beobachtet. Dort wurde uns berichtet, daß neben den 20 Alten im Altersheim noch 600 Personen von 30 Sozialarbeiter betreut werden. Im Städtischen Krankenhaus trafen wir den Chefarzt Dr. Wassiljanow, der früher stellvertretender Bürgermeister war. In diesem Krankenhaus können 510 Patienten betreut werden. Die Ärzte sind relativ jung und gut geschult. Es fehlt ihnen leider nur an Geld für medizinische Geräte wie Reanimation- und Narkosegeräte. Außerdem brauchen sie dringend Brutkästen und dazu gehörige Computer für die Säuglingsabteilung. Sie wären auch sehr dankbar für Bettwäsche und Handtücher und Waschanlagen. Da alle diese medizinischen Geräte besondere Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen, schlugen wir zur Entlastung von Raissa vor, einen gemeinnützigen Verein im Krankenhaus zu gründen, der dann selbst für die Genehmigungen sorgt, nachdem die Spenden an Ort und Stelle ausgeladen, gelagert und entzollt werden können.

Im Bezirkskrankenhaus trafen wir den Chefarzt und die medizinische Verwaltungsleiterin, die uns ihre Wünsche vortrugen. In den 315 Betten werden z.Zt. 298 Patienten betreut. Hier war die Nachfrage nach Krankenwagen für die Soforthilfe, einem digitalen Röntgenapparat, Animatoren, EKG-Geräte und Kardiomonitoren und Wäsche zu hören. Auf unsere Frage der Zusammenarbeit mit dem Städtischen Krankenhaus wegen des Genehmigungsverfahrens hörten wir keine positiven Worte. Offensichtlich ist der Konkurrenzkampf so groß, daß man nicht zusammenarbeiten will. Eine positive Begegnung hatten wir mit dem Ohrenarzt Jaroslaw. Im Gegensatz zu allen anderen konnten wir uns mit ihm wenigstens auf Englisch verständigen. Das deutsche Kabelwerk Prettl, in dem jetzt zwei in Wiesbaden ausgebildete junge Leute, Switlana Pawljuk und Andrej Didyk arbeiten, haben wir auch besucht. Wir wurden von Andreas Zinn, dem Vorstandsvorsitzenden über die Geschäftslage und die allgemeinen unternehmerischen Schwierigkeiten in der Ukraine unterrichtet und anschließend durch das erneut vergrößerte Werk geführt. Durch die Informationen aus deutscher Sicht wurden manche Probleme in der Ukraine für uns klarer.

Das Schneideratelier Lilia Bei einer Fahrt aufs Land konnten wir die Arbeitserfolge der durch die Amerikaner geschulten Ingenieur-Landwirte wieder bewundern. Wolodja hatte gerade einen Auftrag zur Lieferung von 2.000 Apfelbäumen aus seiner Obstbaumschule bekommen. Sein Bruder erweitert seine Rosenzucht und den Anbau von langstieligen Rosen, mit denen er gute Geschäfte macht. In der Auswertung unserer verschiedenen Eindrücke kamen wir zu dem Schluß, daß die Hilfe zur Selbsthilfe für die Menschen in der Ukraine mehr im Vordergrund unserer Arbeit stehen muß. Wir wollen weiter Anschübe geben und auch informative Begleitung, wenn wir gefragt werden. Außerdem erweist sich die Ausbildung von jungen Menschen als sehr sinnvoll. Es war für uns deutlich zu spüren, daß die in Wiesbaden ausgebildeten jungen Frauen schneller das „Heft in die Hand nehmen“ als ihre Kolleginnen, die nur in der Ukraine gelebt haben. Auch bei unserem Besuch in der Deutsch-Fakultät der Universität konnten wir feststellen, daß die Studenten in der Diskussion sehr zurückhaltend waren. Wir ermutigten sie, Erfahrungen als Au-pair in Deutschland zu machen. Als Quintessenz unserer Reise kann ich feststellen, daß es erfreuliche Erkenntnisse gab, die uns im Einsatz für die Stadt Kamenez-Podolski weiter bestärken.

Wiesbaden/Potsdam, 10.10.2005, Maria von Pawelsz-Wolf