• Reisebericht September 2007

Am Beginn unserer diesjährigen Reise nach Kamenez-Podolski hatten wir, Barbro Cluley, Luba Lauvrynenko, Gerd von Pawelsz und ich, viele positive Eindrücke. Bis Krakau fuhren wir auf neuen mit EU-Geldern aufgebauten Autobahnen, die die Reisezeit sehr verkürzten - vor allem durch das Kohlerevier. Danach reisten wir auf den schon bekannten Landstrassen und kamen ohne Probleme (und ohne "Wunderbrief") durch die polnisch-ukrainische Grenze. Nach einer mühsamen Weiterfahrt durch Schlaglöcher und viele Baustellen landeten wir in Kamenez-Podolski im vorbestellten Hotel "7 Tage" (früher Smotritsch), das jetzt zu unserer großen Überraschung europäischem Standard entspricht. Rainer Schnell stieß von Kiew kommend in der Nacht dazu. Wie immer wurden wir von den Vereinsmitgliedern mit einem wunderbaren Abendbrot herzlich begrüßt. Reisebürochefin Ludmilla

Bereits am 1. Arbeitstag trafen wir die Vereinsfrauen, um mit ihnen ihre Sorgen und Nöte und die weitere Arbeit zu erörtern. In der Kaffeestube war wegen Bauarbeiten in den Nachbarhäusern das Gas abgestellt. Raissa berichtete über die Verteilung der Spenden. In der Altstadt wird viel aufgebaut, damit der Tourismus gefördert wird. Das war für uns eine willkommene Gelegenheit, für die Herstellung von sinnvollen Souvenirs zu werben. Barbro hat auf Grund ihrer langjährigen Erfahrung in Beschaffung von Spendengeldern den Vereinsfrauen Vorschläge für Souvenirs gemacht, die vor Ort von ihnen hergestellt werden können. Damit kann ein Teil des notwendigen Geldes für die Beköstigung der Bedürftigen und die Ausrichtung von Feiern für Invaliden und Afghanistan-Hinterbliebenen und anderen beschafft werden. Um Raissa bei der Arbeit für den Freundschaftsverein zu entlasten, haben wir gemeinsam überlegt, dass Raissa weiter ihre verdienstvolle Arbeit für die Bedürftigen macht. Für die Herstellung von Souvenirs konnten wir Pani Lydia als Verantwortliche gewinnen, die zusammen mit einer größeren Frauengruppe arbeiten wird. Pani Lydia, die Leiterin der Souvenir-Gruppe

Wir haben schon einiges Material herausgesucht und auch viele sehr hübsche Bänder in KP gekauft, so dass die Arbeit sofort beginnen kann. Ludmilla, die Leiterin des von uns geförderten Reisebüros kann die Sachen ausstellen. Sie können auch in der Altstadt angeboten werden. Wir haben beobachtet, dass die Touristen sich vor Ständen mit Souvenirs drängelten. Damit ermutigten wir die Frauengruppe und hoffen, dass sie erfolgreich arbeitet. Es ist uns auch ein Anliegen, dass diejenigen, die Spenden von uns bekommen, ihre Arbeitskraft für solche Arbeiten einbringen, damit die Hilfsarbeit vor Ort weitergehen kann.

Bei einem Abendessen in der Nähe von KP bei Saschas Eltern, die uns immer die Treue halten, verunglückte Luba. Wir mussten in der Nacht noch in die Unfallstation fahren, um zu sehen, ob sie sich den Fuß gebrochen hatte. Im Bezirkskrankenhaus erlebten wir dann die Zustände, wie Luba im Rollstuhl durch die nur spärlich erleuchteten Gänge gefahren wurde, dann eine abenteuerliche Treppe emporsteigen musste, damit eine Röntgenaufnahme gemacht werden konnte. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass ein Bänderriss vorgefallen war und das Gelenk wurde eingegipst.

Am Montag hatten wir einen Termin bei der Firma Prettl. Dort arbeiten drei in Wiesbaden ausgebildete junge Ukrainer: Swetlana in der Import-Export-Abteilung, Andrej in der Logistik und Sweta in der technischen Abteilung. Die Firma hat jetzt 950 Mitarbeiter und sucht weitere 200. Es scheint schwierig zu sein, diese technisch ausgebildeten Arbeitnehmer zu finden, weil der gezahlte Lohn nicht den Ansprüchen genügt trotz der dazukommenden Prämien für Anwesenheit und Pünktlichkeit. Uns fiel auch im Gespräch mit Studenten auf, dass sie ihre Berufswünsche im Kopf haben und nicht bereit sind, sich den Anforderungen vor Ort zu stellen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Hier muss es ganz sicher ein Umdenken geben. Gerd im Gespräch mit Walerij Hrynewitsch

Bei unserem Fahrrad-Reparateur Walerij konnten wir seine sehr ordentliche Arbeit bewundern. Leider reicht es nicht für ihn, einen eigenen Betrieb aufzumachen, weil offensichtlich die Nachfrage nach Fahrrädern nicht so groß ist wie bei uns. Das hängt sicher mit den Straßenverhältnissen vor Ort zusammen. Auf den breiten Straßen haben wir nur sehr wenig Fahrradfahrer gesehen.

Am Dienstag waren wir zu einem offiziellen Besuch im Stadtrat beim stellvertretenden Bürgermeister. Der Bürgermeister hatte das Buch von Peter Koller, das er als ein wichtiges Nachschlagewerk lobte, vor sich liegen, so dass wir gleich auf das Thema Tourismus kommen konnten. Er erklärte uns, dass im vergangenen Jahr ca 250.000 Touristen KP besucht hätten. Das Ziel der Stadtverwaltung sind 500.000 Touristen p.a. Im kommenden Jahr sollen 1 Mio Dollar investiert werden. Dabei ist zunächst an die Infrastruktur - die Straßenerneuerung gedacht. Außerdem sollen Straßenschilder für die Altstadt angefertigt werden. Herr Babij sagte seine Hilfe für den Freundschaftsverein zu bei dem Problem mit dem Gas und auch bei den Schwierigkeiten mit dem Steueramt, das im vergangenen Jahr den Freundschaftsverein willkürlich von der Liste der Nichtregierungsorganisationen gestrichen hatte.

Die Fragen nach dem Tourismus konnten wir am folgenden Tag noch mit der für die Stadtentwicklung zuständigen Frau Prof. Basjuk erörtern. Bei diesem Gespräch machten wir sie auf das Buch von Peter Koller über das "ukrainische Rothenburg" - Kamenez-Podolski aufmerksam. Davon hatte sie noch nichts gehört. (für eine erfolgreiche Arbeit in der Stadt scheint uns ein Netzwerk dringend notwendig!) Wir äußerten uns sehr angetan über das neue leider nur in ukrainisch und teilweise in englisch herausgegebene Prospektmaterial von Kamenez-Podolski. Für west- und mitteleuropäische Touristen ist es aber notwendig, dass sie auch in ihrer Sprache über die Geschichte der sehr alten Stadt etwas lesen können. Deshalb machten wir den Vorschlag, mit der Deutsch-Fakultät der Universität Kontakt aufzunehmen und zu überlegen, ob nicht die Studenten als Facharbeit diese Bücher übersetzen könnten.

Außerdem ging es um die vom Internationalen Bund in Frankfurt/Main seit längerer Zeit angestrebte Ausbildung in Hotellerie und Gastronomie. Zu diesem Thema erklärte sie uns, dass sie auf der Suche nach Räumlichkeiten für eine Hotelfachschule in Kamenez-Podolski ist. Sie hat die Struktur für die Ausbildung bereits im Entwurf - nur die räumliche Umsetzung fehlt. Nach der Ausbildung und einem Praktikum in Deutschland sollen die Absolventen ein international anerkanntes Zertifikat erhalten. Neben diesen Informationen stellte uns Frau Basjuk noch ein Pilotprojekt für einen Technopark von 17 ha vor. Sie sucht Investoren. In diesem Gewerbegebiet kann der Grund und Boden für 49 Jahre gepachtet werden. Wir wiesen sie darauf hin, dass für die Ansiedlung von Betrieben die Infrastruktur in Ordnung sein muss.

Wie schon früher machten wir einen Besuch in der Deutsch-Fakultät der Universität. Frau Prof. Iwanowa begrüßte uns sehr herzlich und freute sich mit ihren Studenten auf das Gespräch mit uns. Wir hatten Nina Ljuba, die gerade ihr Diplom als staatlich geprüfte Betriebswirtschaftsassistentin in Wiesbaden gemacht hatte, dabei. Nina (links) mit Deutschstudentinnen Sie konnte den Studentinnen von ihren Erfahrungen in Deutschland erzählen und ermutigte sie, sich auch auf den Weg zu machen, um mit den auf diese Weise gewonnenen Kenntnissen den Aufbau der Ukraine zu unterstützen. Die Studenten waren in ihren Fragen sehr interessiert an Deutschland. Wir ermunterten sie, sich auch mit der Geschichte ihrer Stadt zu beschäftigen, damit sie nach dem Studium als Stadtführer deutsche Touristen informieren könnten. Ein kurzer Besuch im Studentenheim zeigte die Wohn- und Lebenssituation von Studenten auf. Wir überlegen, wie wir den jungen Menschen helfen können, ohne ihre eigene Arbeitsfähigkeit zu beeinträchtigen und sie von Spenden abhängig zu machen. Auf jeden Fall müssen sie für eine mögliche Unterstützung eine Arbeitsleistung für den Verein erbringen!

Von Ninas Vater wurden wir eingeladen, seinen mittelständischen Betrieb, den er 1994 gegründet hat und in dem Kabelbäume für Busse hergestellt werden, zu besichtigen. Dort arbeiten 70 Mitarbeiter, die einen etwas höheren Stundenlohn als bei Prettl erhalten und flexible Arbeitszeiten haben. In Tschernowitz hat er einen weiteren Kleinbetrieb mit 10 Behinderten. Olexej Ljuba bietet dem Freundschaftsverein seine Unterstützung an. Raissa, Pani Maria, stellvertretender Bürgermeister Babij

Den erfolgreichen Drucker Morislaw Moshak haben wir auch aufgesucht, um uns über die Entwicklung seines Betriebes zu informieren. Es waren weitere Räume saniert und die Belegschaft aufgestockt. Wir bekamen den ersten Straßenatlas für Kamenez-Podolski geschenkt. Moshak bittet uns um Hilfe bei der Beschaffung einer Falzmaschine. Er ist interessiert an deutschen Aufträgen, denn er kann preiswerter als in Deutschland drucken. Seine neuesten Bücher zeigte er uns: Astrid Lindgren - Bücher auf ukrainisch. Leider bekommt er keinerlei Aufträge von der Stadt Kamenez-Podolski, weil er Oppositionspolitiker ist. Zu unserem Entsetzen zeigte er uns auf der Straße, dass der Bürgersteig vor seinem Betrieb im Gegensatz zur gegenüberliegenden Seite nicht in Ordnung gebracht wurde!

Wir machten einen Besuch in der Poliklinik, um Lubas Fuß noch einmal begutachten zu lassen. Er musste erneut - nun aber bis zum Knie - eingegipst werden. Während der Behandlung konnten wir uns von der Verteilung unserer Spenden überzeugen. Mit Entsetzen sahen wir die alten ukrainischen Krankenhausbetten, die statt einer Matratze nur eine dünne Auflage hatten. Wir beschlossen, die Suche nach Matratzen (190 x 90) zu intensivieren. Außerdem fehlen Infusionsständer, Bettwäsche und Möglichkeiten für die Desinfizierung von medizinischen Geräten. Betten in dem Bezirkskrankenhaus

Zum Abschluß unseres Besuches hatten wir wieder zu einer Pressekonferenz eingeladen. Wir haben über die Arbeitsteilung im Verein berichtet und kamen dabei auf den Tourismus. Mit großem Interesse haben sich die Teilnehmer den Titel des Buches von Peter Koller über "Das ukrainische Rothenburg" aufgeschrieben, von dem sie noch nichts gehört hatten. Wir haben über die erfolgreiche kaufmännische Ausbildung in Deutschland berichtet und den Gedanken geäußert, ob man nicht auch eine technische Ausbildung anbieten sollte, damit die Flexibilität der jungen Menschen in der Ukraine erhöht wird. Unsere Gedanken wurden mit Interesse aufgenommen und verbreitet.

Als Quintessenz unseres Besuches in Kamenez-Podolski haben wir wieder herausgefunden, dass wir die Menschen nicht abhängig von unseren Spenden machen dürfen, sondern dass wir ihnen Hilfe zur Selbsthilfe leisten wollen, damit sie ihr Leben in die Hand nehmen. Das bedeutet auch, dass die Menschen, die humanitäre Hilfe erhalten, sich auf einer Liste eintragen und bekannt geben, wie sie als Ausgleich dem Verein helfen können. Dazu gibt es vielfältige Möglichkeiten!

Potsdam, 30.September 2007, Maria von Pawelsz-Wolf