• Reisebericht über die Kontrollreise nach Kamenez-Podolski 15.-23. September 2010

In diesem Jahr fuhren wir in einer kleinen Gruppe zu dritt nach Kamenez-Podolski, um uns über die Lage dort zu informieren. Der Grenzübergang in die Ukraine klappte dank des "Wunderbriefes" hervorragend: in 10 Minuten hatten wir die Grenze passiert! In KP (abgekürzt zu Kamenez-Podolski) wohnten wir wieder in dem Hotel "7 dniv" (dt. "7 Tage"), das uns auch während der ganzen Zeit als Treffpunkt mit verschiedenen Menschen diente. Wie auch schon früher empfing uns Raissa mit zwei Vereinsmitgliedern, die das mitgebrachte geschmackvolle Essen für uns anrichteten.

Im Friseursalon Pani Maria Am Freitag, dem 17. September begannen wir mit unserer Arbeit. Als erstes besuchten wir Pjotr Saweljan in seinem Friseursalon "Pani Maria". Alles sah sehr proper aus, aber Saweljan klagte, dass es inzwischen so viele Friseursalons in der Stadt gibt, dass er sehr um Kunden werben muss.

Anschließend fuhren wir in die Altstadt, um die Kaffeestube zu besichtigen. Dort waren viele Dinge passiert: Neben der Kaffeestube war ein ganz neues Haus errichtet. Der Bauherr hatte seine Mauer direkt an die Mauer der Kaffeestube gesetzt, so dass das Küchenfenster praktisch nicht mehr zu benutzen war, d.h. die Küchendämpfe können nicht mehr abziehen. Außerdem war ein Wasserrohr geplatzt. Die Wände waren feucht und überall hatte sich Schimmel gebildet. Raissa hatte einen Unternehmer gefunden, der die Abflussleitung reparierte. Aber das Problem mit dem Küchenfenster muss anders gelöst werden. Mein Mann hat seine Architektenkenntnisse angewandt und Raissa erklärt, dass die einzige Lösung die Verlagerung der Küche nach vorn und der Durchbruch für ein Fenster über der Tür sein könnte. DAs Haus, in dem sich die Kaffeestube befindet, gehört der Stadt. Aus diesem Grund wollten wir das Problem mit dem Bürgermeister besprechen. Im Augenblick kann jedenfalls unter diesen Umständen in der Kaffeestube kein Essen für die Armen gekocht werden.

In der Altstadt vor Kaffeestube - graues Haus in der Mitte, Charlotte Knuth Dr.Schuchanow mit seiner Frau und Raissa - Charlotte Knuth Ehepaar der Polsterwerkstatt, aufgebaut mit Hilfe eines Mikrokredites des Vereins - Charlotte Knuth Schneiderei Lidija in einem ihrer Betriebe - Charlotte Knuth Mit Spenden aus Wiesbaden neu gebaute griechisch-orthodoxe Kirche Taufe in der neugestalteten orthdoxen Kirche In der Jüdischen Gemeinde (links Raissa, 3. von links Maria von Pawelsz-Wolf und zu ihrer linken Seite Babro) - Charlotte Knuth Direktor der Firma Prettl - Charlotte Knuth Die Sozialdezernentin von Kamenez-Podolski mit Maria von Pawelsz-Wolf und Raissa (von rechts nach links) In der Deutschabteilung der Universität

Dann besuchten wir Dr. Schuchanow und seine Frau Tanja in ihrer neuen Privatpraxis , die sie sich in sieben Jahren aufgebaut hatten. Sie haben dort eine kleine Tagesklinik eingerichtet, um auch kleine Eingriffe zu machen. Im Souterrain haben sie eine Bibliothek für die Kinder in der Umgebung eingerichtet und daneben noch einen Gymnastikraum. Dr. Schuchanow besucht seine Patienten zu Fuß, weil man mit dem Auto bei den Straßenverhältnissen gar nicht dorthin kommt. Danach besuchte ich die Zahnarztpraxis von Herrn Dokukin. Er hat einen dritten Zahnarztstuhl und täglich zwei Zahnärzte verpflichtet, die die Behandlungen durchführen. Die Praxis war sehr gepflegt.

Im Anschluß daran fuhr ich mit Raissa in das Lager. Zu meinem Erstaunen fand ich neben vielen Bananenkartons noch die Krankenhausbetten aus dem letzten Transport im Mai vor. Auf meine erstaunte Frage, warum die Betten nicht im Krankenhaus seien, erklärte Raissa, dass ein Sanitätsarzt in KP eine Verordnung aus dem Jahr 2008 ausgegraben hätte, dass Betten, die nicht in der Ukraine zertifiziert seien, nicht in die Krankenhäuser ausgeliefert werden dürften. Die Matratzen waren aber schon im Krankenhaus gelandet! Ich war ganz verstört, denn die Krankenhäuser, die ja schon mehrere 100 Betten von uns bekommen hatten, hatten extra um eine erneute Spende gebeten. Raissa zeigte dann einen neuen Weg auf: Ein Bett so an einen Behinderten gegeben werden, der dann dieses Bett an das Krankenhaus "spendet"!

Schuster Alijew - Charlotte Knuth Der Schuster Alijew , der die erste Mr.Minit-Maschine aus Wiesbaden bekommen hatte, saß jetzt in so einem kleinen Laden, dass er die Maschine verkaufen mußte. Neben einigen Schuhen konnte ich einen Karton mit "Innereien" aus Computern sehen, die er auseinanderpuzzelte, um sie zu verkaufen!

Abends hatten wir den Besuch von drei Frauen aus KP, für deren Familien der Verein viel getan hatte. Wir wollten sie animieren, sich nun auch für den Freundschaftsverein in Kamenez zu engagieren, damit dort durch den Verkauf von kleinen Handarbeiten Geld für die Arbeit einkommt.

Barbro hatte wieder Beispiele mitgebracht, die sie in Schweden mit großem Erfolg an Touristen verkauft. Die Damen lehnten eine solche Arbeit aus verschiedenen Gründen ab: eine hatte angeblich in der Schule handarbeiten nicht gelernt, die nächste arbeitet noch neben ihrer Rente ein bisschen in der Schule und die dritte putzt "ehrenamtlich" das Treppenhaus im ganzen Haus und kümmert sich um ihre Enkelin! Über ein solches mangelndes Engagement für die Sache waren wir sehr enttäuscht und rieten Raissa für die Zukunft, dass sie immer, wenn sie etwas für eine Familie tut, sie sofort zu einem Einsatz für den Freundschaftsverein auffordert.

Eine erfreuliche Information bekamen wir noch durch den Besuch eines jungen Ehepaares (der Sohn von Pani Lydia aus dem Verein), das einen Microkredit von uns bekommen hatte. Von dem Geld hatten sie Maschinen gekauft, mit denen sie jetzt Polstermöbel reparieren Sie zeigten uns Bilder von ihren Arbeiten. Der Kredit ist inzwischen zurückgezahlt und sie haben Arbeit!

Am nächsten Tag besuchten wir die Schneiderin Lidija. Sie ist die einzige Schneiderin, die von den vielen Kleinbetrieben übrig geblieben ist. Von einer anderen Schneiderin hatte sie die Maschinen gekauft, als die wegen der steuerlichen Schwierigkeiten ihren Betrieb schloss. Lidija betreibt zwei Kleinbetriebe in verschiedenen Vierteln von KP und hat mehrere Angestellte. Wir entdeckten in den Betrieben noch viele Bananenkartons mit Material aus Wiesbaden.

Drucker MyroslawDer Drucker Myroslaw will in ein kleineres Gebäude in der Innenstadt umziehen, weil das jetzige für seine Druckerei zu groß ist. Er will sich in Zukunft auf den Tourismus konzentrieren, wo er kleine Bücher und die Stiche von KP verkaufen kann. Dazu hat er ein Häuschen in der Touristenzeile am Markt in der Altstadt erworben. Nach der Präsidentenwahl hat er wenig Aufträge bekommen. Er kam gerade von einem Forum in Lemberg, wo 180 Herausgeber von Büchern waren zur Kontaktpflege. Von dieser Messe erhofft er sich Aufträge in der Zukunft.

Im Reha-Zentrum von KP hatten wir interessante Begegnungen: wir trafen den jungen Direktor Antonjuk, einen Arzt und seinen Stellvertreter Dobrowolski, einen Sozialarbeiter. Da das Reha-Zentrum in den Bereich des Sozialministeriums gehört, steht dem Zentrum mehr Geld zur Verfügung als den Krankenhäusern. Zu unserem Erstaunen waren die Fenster erneuert, die Wände gestrichen, Fliesen auf den Fußböden usw. Wir sahen die Kammer mit der Bettwäsche aus Wiesbaden und überall Krankenhausbetten und Nachttische aus Wiesbaden. In diesem Zentrum werden 120 Menschen im Monat behandelt, die dort 2-3 Wochen lang Therapien machen. Dazu gehört auch die "Arbeitstherapie", die von Natalia, der Vorsitzenden des Behindertenvereins geleitet wird. Natalia arbeitet mit ihren Schützlingenfür den Kiosk in der Touristenstraße der Altstadt. Raissa hat sich mit ihr zusammengeschlossen, weil der Behindertenverein, den Kiosk ohne Kosten von der Stadt zur Verfügung gestellt bekommt. Dort können dann auch die Sachen vom Freundschaftsverein verkauft werden, so dass der Verein wieder etwas Geld für seine Arbeit bekommen kann.

Wir besuchten die jüdische Gemeinde von KP und hörten, dass dort eine gute Jugendarbeit gemacht wird. Für die Jugendlichen stehen mehrere Computer zur Verfügung, an denen sie arbeiten können. Frau Margarita Schopnik erzählte sehr interessant von ihrer Arbeit: Sie hält Vorträge für alle Bürger im Kulturhaus, damit die Kenntnisse in Literatur und auf anderen Gebieten größer werden und das Zusammenleben von Juden und Christen/Atheisten leichter fällt. Eine mit Geld aus Wiesbaden neu gebaute griechisch-orthodoxe Kirche besichtigten wir auch. Dort trafen wir den Nachfolger von Pater Zar, den Dekan Pater Anatolij, der sich sehr um die Jugend und die Behinderten kümmert. Wir waren Gäste bei einer Taufe und hatten anschließend noch ein ausführliches Gespräch mit Pater Anatolij, der uns über die Entwicklung der Kirche und seine Pläne in der Zukunft aufklärte.

Wie in jedem Jahr besuchten wir die deutsche Firma Prettl - inzwischen mit 1.200 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in KP. Der Direktor erzählte uns von dem staatlichen Umgang mit der Firma: Die staatliche Betriebsprüfung legt ihm, noch ehe eine einzige Prüfung stattgefunden hat, ein Schreiben mit einer Strafgebühr auf den Schreibtisch. Dann wird er gefragt, wie viele Arbeiter sich im nächsten Jahr selbst entlassen! Außerdem berichtete er uns, dass die Arbeitsmoral der Ukrainer sehr schlecht sei und dass sehr viel geklaut würde. Das sind wahrlich keine guten Aussichten für künftige Investoren!

Am letzten Tag hatten wir einen Termin bei dem uns schon bekannten und bei allen Bürgern sehr angesehenen Bürgermeister. Raissa erschien morgens und erklärte, der Bürgermeister sei plötzlich in der Nacht ins Krankenhaus gekommen. Da wollten wir zum Stellvertreter. Der war auch plötzlich ins Krankenhaus gekommen. Wir gingen dann zu der Sozialdezernentin. Alles wirkte etwas dubios. Nach unserer Rückkehr mailte Raissa uns, dass der Bürgermeister und sein Stellvertreter unter Bewachung im Krankenhaus waren. Abends wurden im ukrainischen Fernsehen Bilder von den beiden gezeigt als "Verbrecher"! Der FAZ konnten wir entnehmen, dass der Bürgermeister zur Timoschenko-Partei gehörte. Von seiten des Präsidenten Janukowitsch hat man ihm gesagt, wenn er aus der Partei austreten würde, dann würde ihm nichts passieren. Er trat aus, stellte sich aber weiter als Kandidat für die Kommunalwahlen Ende Oktober zur Verfügung. Seitdem sitzt er im Gefängnis in Chmelnitzki. Aber die Bürger kämpfen für ihn! Die Sozialdezernentin erklärte uns, dass in der Regierung ein Gesetz vorbereitet wird, dass keine gebrauchten Sachen mehr in die Ukraine eingeführt werden dürfen. Damit beendet die ukrainische Regierung diese Seite unserer Hilfsarbeit nach 18 erfolgreichen Jahren! (hierzu siehe auch den Zusatz der Vereinsvorsitzenden

Beim Besuch in der Deutschabteilung der Universität erlebten wir interessierte StudentInnen, die sich sehr nach Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland erkundigten. Außerdem wollten sie unsere Erfahrungen in ihrer Stadt kennen lernen! Leider hatten wir zu wenig Zeit für private Gespräche.

Potsdam, im Oktober 2010 Maria von Pawelsz-Wolf